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Der Wiener Zeitungshalter: Ein Stück bewahrte Kulturgeschichte

Der Wiener Zeitungshalter 902708

 

Ein Bericht von Axel Stürken


An einem noch angenehm kühlen Morgen im ansonsten so heißen August 2018 fahren wir mit einem Taxi in die Czerningasse in der Wiener Leopoldstadt. Hier hat Thomas Poganitsch sein Atelier, wie man in Wien eine Werkstatt nennt. Bis in die 40er Jahre gab es in der Gegend zahlreiche/unzählige jüdische Handwerksbestriebe, bis ihre Eigentümer verschleppt wurden.

 

Wiener Kaffeehauskultur

Wir hatten Thomas Poganitsch im Frühjahr dieses Jahres auf einer Messe kennengelernt, sein Messestand fiel uns sofort durch sein klar erkennbares Konzept auf: ein Produkt - der Wiener Zeitungshalter.

Thomas Poganitsch stammt aus Kärnten und ist Designer. Er hat sein Handwerk in Designstudios in Italien und China gelernt und lebt und arbeitet heute in Wien. Durch einen Zufall lernte er vor einigen Jahren einen alten Korbflechter kennen, der die Wiener Kaffeehäuser und private Liebhaber noch mit den für Wien typischen Zeitungshaltern belieferte. Das Familienunternehmen bestand seit 1867 und war das letzte, das noch die Wiener Zeitungshalter aus gebogenem Holz herstellte. Im Alter von 90 Jahren stellte der Besitzer den Betrieb mangels eines Nachfolgers ein. Als Thomas Poganitsch von der Sache Wind bekam, war er sofort Feuer und Flamme. Er übernahm die alten Maschinen und Werkzeuge und rettete auf diese Weise dieses Stück Wiener Kulturgeschichte vor dem Aussterben.

In seinem Atelier zeigte uns Thomas Poganitsch, wie seine Zeitungshalter hergestellt werden. Wichtigstes Rohmaterial ist Korbrohr aus Lianen. Es wurde früher aus europäischen Quellen bezogen. Heute wird es aus Indonesien importiert. Ungeschält erinnert die Oberfläche des Lianenholzes an Bambus. Das Holz wird geschält, damit es später die Beize annimmt, und auf die richtige Länge geschnitten.

 
Thomas Poganitsch und der Wiener Zeitungshalter

Der Wiener Zeitungshalter

Um für die Verarbeitung biegsam zu sein, wird es dann mindestens 3 Stunden in Wasser eingeweicht. Danach ist es ungewöhnlich biegsam, man kann sogar einen Knoten in das Holz machen.

Das eingeweichte Korbrohr wird von Hand in Form gebogen und mit Hilfe von Nägeln mit Holzstäben und einem Griff verbunden. Griffe und Stäbe werden aus dem Waldviertel und aus Salzburg zugekauft. Nach der Montage der Teile werden die Zeitungshalter mit einem Spezialföhn getrocknet. Nach dem Abkühlen und einer weiteren Stunde ist die Konstruktion hart und stabil. Nun erhält das Holz mittels einer wasserbasierten Beize seinen dunkelbraunen Farbton.

Schließlich werden die Metallteile montiert. Der seitliche lange Holzstab dient dem Einspannen der Zeitung. Er ist mit einer Nut versehen, in die ein dünner Eisenstab eingebracht wird. Dieser ist am oberen Ende fest mit dem Holzstab verbunden, unten ermöglicht ein Bajonettverschluss aus einer gefederten Metallhülse das Öffnen und Schließen des Eisenstabes. Die Eisenstäbe werden im Atelier auf die richtige Länge geschnitten, mit einer Öse versehen und schließlich leicht gebogen, damit sie im Zeitungshalter für eine gewisse Vorspannung sorgen.